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Simon Marius und die Astronomie seiner Zeit

Anlässlich des Jubiläums „Simon Marius 1573 – 1624“ wird sich die „Leitfossilien“-Reihe des ART & Friedrich e.V. am Bildungszentrum der Stadt Nürnberg mit dem markgräflichen Hofastronomen und der Astronomie seiner Zeit befassen. In acht Vorträgen im Nicolaus-Copernicus-Planetarium werden Astronomen vorgestellt, deren Schriften Marius kannte und die ihm Vorbild oder Auseinandersetzung lieferten. Mit diesen Personen wird ein Potpourri der copernicanischen Wende erzählt und es wird verständlich, welche Beobachtungen, Instrumente und Theorien vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild führten.

Mittwoch, 09.10.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Nicolaus Copernicus und die nach ihm benannte Wende

Pierre Leich, Simon Marius Gesellschaft

Der Ermländer Astronom Nicolaus Copernicus gilt als Revolutionär des Weltbildes schlechthin. Kant, Goethe, Nietzsche und Freud rühmen den epochalen Umbruch in der Denkart. Doch was ist der astronomische Kern des Übergangs vom geozentrischen Weltbild mit der Erde in der Mitte zum heliozentrischen mit den die Sonne umkreisenden Planeten? Was genau störte Copernicus am ptolemäischen Weltbild der Antike? Warum konnte er sein Weltsystem nicht beweisen und was waren die Argumente pro und contra? Der Vortrag diskutiert die Copernicanische Wende mit den Beobachtungen und Modellen in ihrem historischen Zusammenhang und macht sichtbar, welche Rolle der Frauenburger Astronom zwischen Mittelalter und der Neuzeit spielte und was seine Leistung für die copernicanische Wende war.

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Copernicus-Porträt aus dem Holzschnitt in Nicolaus Reusners „Icones“ (1578), vermutlich von Tobias Stimmer; via Wikipedia

Mittwoch, 16.10.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Die Bienen von Ingolstadt: Peter und Philipp Apian

Thony Christie, Simon Marius Gesellschaft

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist zu glauben, als Copernicus seinen Vorschlag einer Astronomiereform machte, habe die Disziplin seit 1500 Jahren stagniert. Tatsächlich nahm er teil an einer aktiven Verbesserung, Reform und Neubelebung, die seit 150 Jahren im Gang war. Eine zentrale Persönlichkeit bei diesem Vorgang war in der Zeit vor der Veröffentlichen von De revolutionibus Peter Apian, Professor der Mathematik an der Universität von Ingolstadt. Apian schrieb mehrere bedeutende Lehrbücher, die er meistens selbst verlegte und in der Druckwerkstatt der Universität druckte. Sein wichtigster Student war sein Sohn Philipp, der seinen Lehrstuhl und die Druckwerkstatt erbte. Der Vortrag verfolgt das Leben und die Arbeit von beiden, Peter und Philipp Apian.

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Porträt Peter Apians von dem Kupferstecher Theodor de Bry; Wikipedia

Mittwoch, 23.10.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Ein Pionier der astronomischen Messtechnik: Zum Leben und Werk des dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546–1601)

Prof. Dr. Günther Oestmann, Technische Universität Berlin

Vor über vierhundert Jahren wurden auf der Insel Hven im Öresund wichtige Grundlagen für unser modernes astronomisches Weltbild erarbeitet. Dank der Förderung des dänischen Königs Frederik II. konnte sich Tycho Brahe dort 1576 niederlassen und zwei Observatorien (die „Uraniborg“ und „Stjerneborg“) errichten. Es waren die ersten ausschließlich für astronomische Forschung und Beobachtung konzipierten Baulichkeiten in Europa, die er mit eigens entworfenen astronomischen Instrumenten ausstatten ließ. Es gelang ihm, die Beobachtungsgenauigkeit erheblich zu steigern. Zwar zweifelte Brahe mehr und mehr an der Richtigkeit der aristotelischen Weltsicht, doch zur Anerkennung von Copernicus vermochte er sich nicht durchzuringen und entwarf ein vermittelndes System, das die Erde im Zentrum des Kosmos beließ. Im Jahre 1600 ereignete sich mit dem Zusammentreffen von Tycho Brahe und Johannes Kepler eine „Sternstunde der Wissenschaft“. Ausgehend von den genauen, systematischen astronomischen Beobachtungen Brahes gelang Kepler die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung, die zur endgültigen Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes führte. So erfüllte sich Tychos Ausspruch „Möge ich nicht vergeblich gelebt haben“, wenn auch auf andere Weise, als er sich das gedacht hatte.

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Tycho Brahe mit dem Elefanten-Orden; via Wikipedia

Mittwoch, 13.11.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Der fränkische Mathematiker und Astronom Simon Marius

OStR Dr. Hans Gaab, Simon Marius Gesellschaft

Der in Gunzenhausen geborene Simon Marius konnte die Fürstenschule in Heilsbronn besuchen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Prag, studierte er Medizin in Padua. Von dort wurde er zurückgerufen, um die Stelle des Hofastronomen in Ansbach einzunehmen. Hier entdeckte er die Jupitermonde, worüber er 1614 seinen Mundus Iovialis veröffentlichte. Hier gründete er seine Familie, hier starb er 1624. Vorgestellt werden soll die Biographie des Simon Marius, sein Streit mit Galilei bleibt im Hintergrund.

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Simon Marius aus Mundus Iovialis von 1614; via Wikipedia

Mittwoch, 20.11.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Johannes Kepler und der Nobelpreis

Prof. Dr. Wolfgang J. Duschl, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Mittwoch, 27.11.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Hans Lipperhey und die Erfindung des Teleskops

Prof. Dr. Gudrun Wolfschmidt, Universität Hamburg

Hans Lipperhey (~1570–1619) aus Middelburg, Seeland, gilt als Erfinder des Teleskops (1608, Versuch einer Patentanmeldung) neben Zacharias Jansen (~1585–~1632) oder Jacob Metius (nach 1571–1628). Von Holland aus erlangte es schnell Verbreitung in Europa.
Galileo Galilei (1564–1641 jul./1642 greg.) ist in die Geschichte eingegangen, weil er sich ein Fernrohr baute und es zum Himmel richtete; seine bedeutenden Entdeckungen hat er in seinem Werk „Sidereus Nuncius“ (Venedig 1610) festgehalten. Doch nur einen Tag nach Galilei entdeckte der fränkische Astronom Simon Marius (1573–1624) in Ansbach die Jupitermonde und publizierte dies in seinem ausführlichen Werk „Mundus Iovialis“ (Nürnberg 1514). Viele Beobachter entdeckten etwa gleichzeitig astronomische Phänomene wie die Mondkrater, Sonnenflecken, Monde, Saturnringe, Nebel usw.
Die weitere Entwicklung des Fernrohrs im 17. Jahrhundert, verbessert durch Johannes Kepler (1571–1630) in seiner „Dioptrice“ (Prag 1611), ist verbunden mit berühmten Astronomen, ersten Sternwarten und einer Reihe spektakulärer Entdeckungen. Das Teleskop war das Schlüsselinstrument der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung unseres Weltbildes.

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Hans Lipperhey (~1570-1619) aus: Pierre Borel, De Vero Telescopii Inventore, Den Haag: Adriaan Vlacq 1655

Mittwoch, 11.12.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Galileo Galilei – zwischen Physik und Astronomie

Prof. Dr. Jürgen Teichmann, Deutsches Museum / Universität München

Galileo Galilei, der italienische Vielgelehrte, Ingenieur und ja, auch Philosoph, bleibt ein Mythos selbst für unsere Zeit. Er wurde das Opfer einer traditionellen Ideologie, damals der katholischen Kirche, die fortschrittliches Wissen rücksichtslos verdammen konnte. Seine heute noch berühmten Leistungen liegen in der Physik und Astronomie. Mit dem Werk „Unterredungen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend“ von 1638 begründete er unsere klassische Physik. Natürlich baute er auf seinen Vorgängern auf, aus der philosophischen Scholastik und der praktischen Renaissance. Sein „Sternenbote“ von 1610, in dem er die Entdeckung der Mondgebirge mitteilte, der Jupitermonde, der Vielfalt der Sterne in der Milchstraße, brachte das Weltgebäude der geozentrischen Astronomie ein erstes Mal zumindest zum Erzittern. Er war bei manchen dieser Entdeckungen allerdings nicht der erste. Auch das Fernrohr, mit dem er diese Entdeckungen machte, hatte er nicht erfunden (obwohl er es zunächst behauptete). Sein „Dialog über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme“ von 1632, in dem er für das copernicanische Weltsystem eintrat, das die tägliche und jährliche Bewegung der Erde um die Sonne behauptete, brachte ihn schließlich vor die katholische Inquisition. Doch sichere Beweise für diese Bewegungen gab es noch lange nicht. Galilei dagegen glaubte, Ebbe und Flut bei den Weltmeeren wären ein entscheidendes Zeichen dafür. Das war falsch. Er war auch sonst streitbar und durchaus eitel. So beschimpfte er nicht nur den fränkischen Astronomen Simon Marius als Plagiator bezüglich der Entdeckung der Jupitermonde, auch den jesuitischen Forscher Christoph Scheiner im Streit um die Entdeckung der Sonnenflecken. Von seinem – gelegentlichen – Briefpartner, dem berühmten Astronomen Johannes Kepler, hielt er ebenfalls wenig. Doch gültig bleibt bis heute: Er brachte mit seinen universellen Interessen neues astronomisches und physikalisches Wissen in einen ersten äußerst fruchtbaren Zusammenhang.

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Galilei–Porträt von Domenico Tintoretto; via Wikipedia

Mittwoch, 18.12.2024, 19:00 – 20:30 Uhr

Kontroversen zum Heliozentrismus in der Zeit des Simon Marius – Scheiner, Cysat und Descartes

Ass.-Prof. Dr. Olivier Ribordy, Universität Wien

In dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts vermehren sich dank der Entwicklung des Fernrohrs die Entdeckungen neuer himmlischer bzw. supralunarer Phänomene im Universum. Zeitgleich zu Galileis Beobachtungen von vier Trabanten um Jupiter, die in der Sternenbotschaft (Sidereus Nuncius, 1610) beschrieben werden, gelingt es auch dem fränkischen Astronomen Simon Marius, Geschwindigkeit und Glanz dieser Trabanten selbständig zu skizzieren sowie die Bewegung des Sonnenstrahls zu untersuchen. Marius’ Werk Mundus Iovalis (1614) geht zudem auf die Kritik ein, die der Jesuit Christoph Scheiner formuliert. Scheiner beansprucht u.a. die Entdeckung der Sonnenflecken für sich selbst, aber auch eine genaue Beschreibung der „ovalen“ Form der Sonne (Sol ellipticus, 1615). Der Nachfolger Scheiners in Ingolstadt namens Johann Baptist Cysat wird seinerseits die beiden Satelliten um Saturn „klar und deutlich“ erkennen und sie in einem Weltbild schematisch schildern (Mathemata astronomica, 1619, f. 21). Dieses Schema stützt sich allerdings weiterhin auf das sogenannte „geo-heliozentrische“ Modell, bei dem die Erde stillsteht und das letztlich auf den Astronomen Tycho Brahe zurückgeht. Angesichts der Auseinandersetzungen um ein neues Weltbild gilt es für damalige Autoren, jenseits des Wettstreits um die Priorität mancher astronomischen Entdeckungen, auch die metaphysischen und erkenntnistheoretischen Implikationen eines heliozentrischen Systems zu bedenken. Inwiefern darf die Bewegung der Erde angenommen werden und welche Konsequenzen würden sich durch die Erweiterung der Grenzen des Universums ergeben? Könnte das Universum „unbestimmt groß“ sein, wie der Philosoph René Descartes annimmt, oder gar „unendlich“, in dem Sinne, dass das Universum unendlich viele endliche Welten bzw. zahlreiche Sonnen enthalten würde, wie Giordano Bruno vorschlägt? Darüber hinaus könnte es in einem unendlichen Raum kein Zentrum geben und somit weder Erde noch Sonne im Mittelpunkt des Universums stehen. Und was würde dann ein azentrisches Universum für die Menschen bedeuten? Eine philosophische Frage, die bis heute aktuell bleibt.

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Christoph Scheiner, Rosa Ursina sive sol, Bracciani, apud Andream Phaeum, 1630, f. 150; via Wikimedia

Veranstalter: Bildungszentrum im Bildungscampus Nürnberg, Fachteam Planetarium
Einschreibung Reihe 66 € (BZ-Kurs-Nr. 00 910),
Einzelkarte vor Ort je 10/6,50 €
Einschreibung Reihe 66 € (BZ-Kurs-Nr. 00 910),
Einzelkarte vor Ort je 10/6,50 €
Ort: Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg, Am Plärrer 41, Kuppelsaal;
Leitung: Katharina Leiter
Konzeption: ART & Friedrich e.V.
Verein zur Förderung von Kunst, Theater und Wissenschaft
Pierre Leich (Hastverstraße 21, 90408 Nürnberg)
Geschäftsführung: Chriska Wagner, Website: Norman Anja Schmidt